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Vorhang auf für ein einfach gutes Stelleninserat

„Vorhang auf für den neuen Schuhtempel in Zürich.“ So beginnt ein richtig gutes Stelleninserat, auf welches ich soeben gestossen bin und das es mir so richtig angetan hat. Es zeigt, wie wenig es eigentlich bräuchte, um ein richtig ansprechendes Stelleninserat aus dem Hut zu zaubern. Vorhang auf für eine kurze samstägliche Lobeshymne.

Samstag ist Gähntag, zumindest am Vormittag. Dann fische ich nämlich, ich gebe es zu, immer zuerst den Kader-Stellenmarkt aus dem Tages-Anzeiger. Warum ich mir das antue, weiss ich auch nicht so genau. Vielleicht brauche ich einfach eine Prise Masochismus zum Wochenende. Ist aber auch wirklich kaum zu glauben, wie einfältig und einfaltslos Woche für Woche die viele Tausend Franken teuren Werbeinserate für Jobs daherkommen. Wenn dann jeweils am Ende der emotionslosen Bleiwüsten noch heuchlerisch gefragt wird, ob man denn die geschätzte Leserschaft mit dem tollen Angebot überzeugen konnte, dann muss ich jeweils doch schmunzeln. Oder innerlich schreien: Nein! Einzelne Exponate sind sogar noch extra als Stelleninserate gekennzeichnet – wohl gewissermassen als Vorwarnung. Was für ein Anachronismus diese mies und lustlos gestalteten Werbeinserate in Zeiten von (angeblichem?!) Fachkräftemangel und Internet doch sind.

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Stelleninserate: Dieses Werbegenre modert seit Jahren ungestraft von den umworbenen Zielgruppen vor sich hin. Nur wenige Lichtblicke blitzen ab und an auf. Immerhin tröste ich mich in diesen dunklen Personalmarketingmomenten mit der Tatsache, dass einige der europaweit besten Stelleninserate aus der Schweiz kommen und auch aktuell die Stelleninserate der SBB und der BKW für die HR Excellence Awards  2015 in Berlin nominiert sind.

Nachdem ich mich also den übrigen weitaus interessanteren Zeitungsteilen gewidmet habe, stosse ich kurze Zeit später im Internet auf eine Werbeanzeige von Jelmoli, die selbst ein im Koma liegendes Pferd wachrütteln würde – ich meine nicht in erster Linie wegen der auffallenden Farbe im CD des Luxustempels an der Zürcher Bahnhofstrasse, sondern ich spreche vom Text.

Jelmoli

Verrückt an diesem richtig guten Inserat: Keine Bilder. Keine Videos. Keine Animationen. Alle diese Elemente, die für mich sonst eine lebendige und gute online-Anzeige ausmachen. Doch dieses Inserat lebt. Es lässt Bilder entstehen. Es vermittelt durch die sorgfältige, wunderbar erquickende Sprache ein Gefühl der Wertschätzung, des Umworbenseins. Es ist direkt und spricht die Sprache der angepeilten Zielgruppen, ohne anbiedernd oder billig zu wirken. Es passt einfach, grossartig. Da haben die Personaler/-innen nicht einfach in die Textschublade gegriffen und „was man halt so macht“ hingeschrieben. Oder noch schlimmer, irgendwelche Textpassagen zusammengeklau(b)t und tragisch-komisch wieder zusammengebastelt wie hier in diesem Fundstück:

Leitsätze gibt es

Die Jelmoli-Schreibenden haben ein klares Bild der Personen, die sie suchen. Und es gelingt ihnen wunderbar, dieses Bild mit einer schönen Sprache zu beschreiben. „Wir wenden uns an hochgradig motivierte Persönlichkeiten, welche die Trends schon vor den Bloggern kennen“ sind nicht einfach Floskeln, sondern treffgenaue Bezeichnungen für die künftigen „Schuh-Stars“. Die Aufforderung „ziehen Sie sich diesen Schuh an stellen Sie sich dieser Herausforderung“ ist nicht einfach eine nette Formulierung eines Junior-Werbetexters, sondern die zum Gesamttext passende Höhepunkt des Inserates, das „A“ wie „Action“ aus AIDA – der Formel, nicht der Oper.

Ich werde die neue Schuhwelt besuchen. Versprochen!

Auf Wiederlesen

Kommentare ( 2 )

  • Henner sagt:

    Lieber Jörg,
    ein wahrhaft zauberschönes Exemplar an Stellenanzeige, was dir da vor die Füße gefallen ist. Nichtsdestotrotz habe ich ein großes Problem mit dem Inserat: Die Anzeige mag in dem Stellenmarkt-Einerlei durch ihre Farbe auffallen. Aber wenn der Stellentitel deutlich erkennbarer wäre, würde die Auffindbarkeit deutlich erhöht werden. Und wenn ich nun der Schuh-Addict, der heiß gesuchte Al Bundy, wenn man so will, bin, wohin adressiere ich nun meine Bewerbung? Und wie kann ich mich bewerben? Oder sind die Kontaktdaten nur nicht in dem Screenshot abgebildet?
    Was den Text angeht, bin ich bei dir. Beim Rest darfst du mich gerne noch überzeugen 😉
    Herbstliche Grüße ins schöne Ennetbaden,
    Henner

  • Textcharmeur werden – 18 Gegenvorschläge zu den gängigsten Floskeln | BUCKMANN GEWINNT sagt:

    […] wäre es so einfach, sich mit ein wenig Liebe zur Sprache zu profilieren und zu differenzieren. Werden Sie Textcharmeur und versuchen Sie, nicht nur mit Inhalten, sondern auch mit einer […]

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